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BörsenBlick Markteinblicke
Die deutsche Regierung setzt Steuervereinfachung auf die Agenda

Auf einen Blick
- •Die Bundesregierung plant vor der Sommerpause eine Einkommensteuerreform und ein weiteres Paket zur Steuervereinfachung.
- •Das Ministerium wird prüfen, Personengesellschaften die Option zur Körperschaftsteuer einzuräumen und die Begünstigung von thesaurierten Gewinnen (Thesaurierungsbegünstigung) zu überprüfen.
- •Der BDI fordert tiefgreifende strukturelle Reformen: niedrigere Körperschaftsteuern, weniger Bürokratie, schnellere Digitalisierung und moderne Gruppenbesteuerung.
- •Der Ökonom Volker Wieland warnte, Deutschland stehe vor einer strukturellen Krise mit stagnierendem Wachstum und sinkender Wettbewerbsfähigkeit seit 2019.
- •Eine zuvor vereinbarte Senkung der Körperschaftsteuer (15% auf 10%) soll 2028 beginnen; die Industrie fordert ein früheres Vorgehen.
- •Politische Spaltungen bleiben bestehen: Die SPD hat Offenheit für eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes signalisiert, während Kanzler Merz höhere Steuern derzeit ablehnt.
- •Vereinfachungen können Typisierungen und Pauschalregelungen beinhalten, wobei ein Teil der Einzelfallgerechtigkeit gegen geringere Komplexität und Verwaltungsbelastung eingetauscht wird.
Die Regierung stellt einen Plan zur Steuervereinfachung vor noch vor dem Sommer
Die deutsche Bundesregierung plant, vor der parlamentarischen Sommerpause ein Paket von Einkommensteuerreformen und weiterreichenden Maßnahmen zur Vereinfachung des Steuerrechts vorzulegen, so Steuer-Staatssekretär Rolf Bösinger. Bei der Ankündigung der Initiative auf dem BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie)-Steuerforum in Berlin sagte Bösinger, das Ministerium werde auch Wege prüfen, Personengesellschaften das Optionsrecht zur Körperschaftsteuer zu erleichtern und beabsichtige, die Begünstigung von thesaurierten Gewinnen (Thesaurierungsbegünstigung) zu überprüfen.
BDI-Geschäftsführerin Tanja Gönner hatte zu tiefergehenden strukturellen Reformen gedrängt, um Wachstum und Investitionen anzukurbeln, und argumentiert, dass einmalige Maßnahmen wie eine vorübergehende Energiesteuersenkung nicht ausreichen würden. Der Industrieverband fordert umfassende Bürokratieabbauten, eine schnellere Digitalisierung steuerlicher Verfahren und eine umfassende Reform der Körperschaftsteuer, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu verbessern.
Forderungen nach tiefergehender Reform angesichts von Warnungen zur Wettbewerbsfähigkeit
Der Ökonom Volker Wieland gab auf dem Forum eine deutliche Einschätzung ab und warnte, dass Deutschland vor einer ernsten strukturellen Krise stehe. Er argumentierte, die Wirtschaft habe sich seit 2019 nicht entwickelt und verliere gegenüber Nachbarn wie den Niederlanden, Dänemark und der Schweiz, die in den letzten 25 Jahren stärker gewachsen seien, an Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen. Wieland forderte die politischen Entscheidungsträger auf, das Wachstum der öffentlichen Ausgaben zu stoppen und die Pläne zur Senkung der Belastung durch die Körperschaftsteuer zu beschleunigen; er bestand zudem darauf, dass der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer nicht erhöht werden dürfe.
Die politische Debatte sei sichtbarer geworden, seit die Koalition im vergangenen Jahr grundsätzlich vereinbart habe, die gesetzliche Körperschaftsteuer in fünf Schritten von 15% auf 10% als Investitionsanreiz zu senken, wobei die Reduktionen erst 2028 beginnen sollen. Die SPD, die Unterstützung für einen höheren Spitzensteuersatz der Einkommensteuer signalisiert hat, erinnerte Beobachter nach einem jüngsten Koalitionsmeeting daran, dass nichts vom Tisch sei. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) entgegnete mit einer Warnung vor einer Erhöhung der Steuerbelastungen im aktuellen Umfeld.
Bösinger betonte, dass Vereinfachung wahrscheinlich mehr Typisierungen und Pauschalansätze in Teilen des Steuerrechts bedeuten werde. Der frühere Drang nach maximaler Einzelfallgerechtigkeit habe, so sagte er, das System komplexer gemacht; Ausnahmen und Sonderregeln schafften Verwaltungsbelastungen für Steuerzahler. Er befürwortete eine weitere Digitalisierung der Steuerverwaltung und verpflichtete sich, das fortgesetzte Wachstum der Bürokratie zu stoppen und zugleich strukturelle Verbesserungen der bestehenden Regeln voranzutreiben.
Die beim Forum vorgestellten BDI-Vorschläge umfassen Maßnahmen zur Straffung der Steuer-Compliance für mittelständische Unternehmen und Personengesellschaften, Vereinfachungen bei der kommunalen Gewerbesteuer und der Forschungssteuergutschrift sowie ein modernisiertes Gruppenbesteuerungsregime, um die Holdingstrukturen deutscher Unternehmensgruppen besser zu berücksichtigen. Für den Bundeshaushalt schlug Bösinger vor, dass die Regierung Subventionen reduzieren und umfassendere Defiziteinsparungen anstreben werde, um fiskalischen Spielraum für Reformen zu schaffen.
Die Debatte auf dem Steuerforum unterstrich ein sensibles Gleichgewicht: Die politischen Entscheidungsträger müssen eine faire Verteilung der Steuerlasten gegen das praktische Bedürfnis abwägen, Komplexität zu reduzieren und Investitionshindernisse zu beseitigen. Industrie und viele Ökonomen argumentieren, dass niedrigere Unternehmenssteuern, weniger regulatorische Hürden und schnellere digitale Prozesse wesentlich sind, um Investitionen und langfristiges Wachstum wiederzubeleben. Ob das sommerliche Gesetzgebungspaket der Regierung diese Ambitionen erfüllen wird, bleibt abzuwarten, doch die Ankündigung markiert eine deutliche Wende hin zur Bekämpfung steuerlicher Komplexität als Teil einer breiteren Wettbewerbsfähigkeitsagenda.
