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Neuer Chipmangel trifft die deutsche Industrie hart Speicherchips verzeichnen die größten Preissprünge

Auf einen Blick
- •Die Lieferzeiten für einige Halbleiterprodukte haben sich von etwa acht Wochen auf bis zu 50 Wochen ausgedehnt.
- •Einige Chiphersteller nehmen keine neuen Kunden mehr an und verschärfen so den Zugang für Käufer.
- •Speicherchips haben die größten Preiserhöhungen erlebtKäufer könnten drei- bis viermal die Herbstwerte zahlen.
- •Lieferanten kündigen höhere Preise und strengere Lieferbedingungen an und nutzen die angespannte Versorgungslage.
- •Kurzfristige Beschaffungsmaßnahmen sind kostenintensiv; strukturelle Maßnahmen wie Lieferdiversifizierung und Kapazitätsanreize sind erforderlich, werden aber Zeit brauchen.
München Deutschlands Industriesektor steht einmal mehr einem sich verschärfenden Halbleitermarkt gegenüber, der die Lieferzeiten nach hinten treibt und starke Preisanstiege verursacht, insbesondere bei Speicherchips. Nach Angaben von Noureddine Seddiki, Leiter des in Frankfurt ansässigen Elektronikmaklers Sand & Silicon, haben sich Lieferfenster, die früher bei etwa acht Wochen lagen, in einigen Fällen auf bis zu 50 Wochen aufgebläht. In mehreren Produktkategorien nehmen Halbleiterhersteller Berichten zufolge offenbar keine neuen Kunden mehr auf. Produzenten nutzen den Moment. Tanjeff Schadt, ein Halbleiterspezialist der Beratungsgesellschaft Strategy&, sagt, mehrere Chiplieferanten, die für die deutsche Industrie wichtig sind, hätten in den letzten Wochen Preiserhöhungen und strengere Lieferbedingungen angekündigt. Die Kombination aus gestreckten Lieferketten und erneuter Nachfrage hat den Anbietern Hebel gegeben, die Zuteilung zu verschärfen und die Preise zu erhöhen. Die stärkste Preisinflation ist bei Speicherchips sichtbar. Makler Seddiki berichtet, dass Käufer gezwungen sind, drei- bis viermal die Preise vom letzten Herbst zu zahlen, wenn sie überhaupt Versorgung sichern können. Für Hersteller in den Bereichen Automobil, Industrieanlagen und Elektronik schafft dies eine dringende Beschaffungsherausforderung: Die Produktionsplanung wird durch lange Wartezeiten und die Aussicht auf deutlich höhere Inputkosten untergraben. Kurzfristige Lösungen wie das Sichern von Zuteilungen bei alternativen Lieferanten oder das Bezahlen von Aufschlägen zur Beschleunigung von Lieferungen können den unmittelbaren Druck lindern, sind jedoch kostspielig und in ihrer Wirksamkeit uneinheitlich. Die Situation verstärkt den strategischen Imperativ für die deutsche Industrie, Lieferketten zu diversifizieren, auf Komponentenebene die Bestände dort zu erhöhen, wo dies möglich ist, und Partnerschaften mit Chipherstellern zu beschleunigen, um langfristige Verpflichtungen zu sichern. Politische Entscheidungsträger und Industrieverbände haben zuvor Onshoring und Kapazitätsanreize für kritische Halbleitersegmente diskutiert. Während solche Maßnahmen helfen können, zukünftige Lieferengpässe abzumildern, brauchen sie Zeit und Investitionen. In der Zwischenzeit müssen Unternehmen Auftragsbücher, Preisstrategien und Kundenbindungen sorgfältig ausbalancieren, um ein weiteres volatiles Kapitel im globalen Halbleiterzyklus zu überstehen.

